über die Grenze

Der moderne Krieg als Glaubenskrieg. “Das Fegefeuer” – ein russischer Spielfilm über den Krieg in Tschetschenien

Verfasst von: gregorhecker Am: März 22, 2010

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Für welchen Leser ist dieser Aufsatz? Für alle, die sich für Kriegsgeschichten und die Darstellung des Krieges in einem Film interessieren. Er ist eventuell nicht für Mädchen gedacht, denn das Thema dieses Aufsatzes ist typisch Männersache – der Krieg. Und der Krieg, um den es in diesem Aufsatz geht, war ein besonders blutiger und brutaler – der Erste Tschetschenien-Krieg 1994-1996.
So ist dieser Aufsatz auch für diejenigen, die sich für die Besonderheiten der Geschichte der russischen Armee interessieren. Und auch vielleicht für alle, die anhand eines Beispiels verstehen wollen, welche Wege heute die postmoderne Kriegspropaganda gehen muss, um das Töten und Sterben zu rechtfertigen.



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Es soll hier um einen besonderen russischen Kriegsfilm „Tschistilische“ / „Das Fegefeuer“ („Chechenia Warrior“ – im deutschen Handel) gehen. Am Beispiel dieses Kriegsfilmes kann man sehr gut zeigen, wie die historischen Ereignisse des ersten Krieges in Tschetschenien in einem Spielfilm zusammengefasst und dem Zuschauer vermittelt werden. Damit bietet sich auch die Möglichkeit zu sehen, wie Kriegsfilme als solche überhaupt ihre Geschichten erzählen. Denn jeder, der sich mit dem Thema Geschichte im Film oder Krieg im Film auseinandergesetzt hat, war schnell mit einem Problem konfrontiert, dass mit den Begriffen „Echt“, „Realistisch“, „Wahr“ zusammenhängt.

Was ist ein „echter“ oder ein „realistischer“ Kriegsfilm?

Mit diesem Aufsatz möchte man versuchen, ohne eine theoretische Überladung, diese Frage zumindest so anzugehen, um damit auf eine andere Ebene der Betrachtung zu gelangen. Eine Ebene, von der aus sich zeigen kann, wie ein Kriegsfilm als ein Medium des nationalen Mythos heute seine Botschaften vermitteln muss.

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Und nun die Frage – warum ausgerechnet „Tschistilische“ / „Das Fegefeuer“? Es gibt zwei gute Gründe dafür. Dieser Kriegsfilm befindet sich außerhalb von gewöhnlichen und üblichen Vorstellungen über den modernen Krieg und die Art seiner Darstellung im Film. „Das Fegefeuer“ bezieht sich auf reale historische Ereignisse, die man auf dem europäischen Kontinent nach 1945 nicht mehr in dieser Dimension gesehen hat. Zum ersten mal nach dem Fall von Berlin haben im Januar 1995 in Grosny zwei Armeen mit einer solchen Intensität gegeneinander gekämpft. Auch die Art und Weise wie diese Ereignisse in diesem Film dargestellt werden, ist außerhalb des üblichen Rahmens des Kriegsgenres. Das kann man mit zwei Zitaten der Zuschauerkommentare verdeutlichen , die man auf der Internetseite von Amazon.de findet, wenn man nach diesem Film sucht:

„Ich bin Sammler und habe bereits eine beachtliche Sammlung an Kriegsfilmen aus jeder Epoche und aus den verschiedensten Ländern. Dieser Film ist dabei das mit Abstand schlechteste was ich je gesehen und gehört habe.“

„Die Vorrezendenten haben keine Ahnung. Der Film spiegelt die Wirklichkeit wieder, nichts anderes. Und das grausamer als jeder bisher gedrehte Film. Da kann auch ein Platton oder ein Die Verdammten des Krieges einpacken. Kenne auf dem Markt nichts vergleichbares.“


Wie man an diesen Beispielen sehen kann, hat man mit einem Film des Superlativen zu tun. Und man muss doch auch sagen, dass die Bezeichnung „der schlechteste Kriegsfilm aller Zeiten“ mehr Interesse weckt als ein durchschnittliches Produkt. Der russische Kriegsfilm über den ersten Krieg in Tschetschenien „Das Fegefeuer“ wird kaum ein langweiliges Kommentar bekommen.

Um was geht es eigentlich in diesem Film? Der russische Wikipedia-Eintrag beschreibt es so:

„Im Mittelpunkt des Films steht der Kampf um das Krankenhaus von Grosny, das von den russischen Soldaten unter der Führung von Oberst Suvorov gehalten wird. Am 4. Januar 1995 wurde das Krankenhaus umzingelt und von den Tschetschenen angegriffen. Auf der Seite der Tschetschenen kämpft die ganze „Internationale“ – Afghanen, Araber, afrikanische Söldner, weibliche Scharfschützen aus Litauen, nationalistische Ukrainer.
Der Film enthält sehr viele Szenen extremer Gewalt. In der gesamten Laufzeit des Filmes finden ununterbrochen intensive Kampfhandlungen statt , die in der Art einer Dokumentaraufnahme gemacht worden sind.“


Wie oben bereits erwähnt wurde, handelt es sich dabei um reale historische Ereignisse. Es wäre also logisch, zuerst die wesentlichen Punkte dieses Krieges so einzuordnen, um bei der Betrachtung dieses Filmes eine passende historische Orientierung zu haben.

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Was muss man über diesen Krieg wissen? Zuerst die politische Dimension der Ereignisse: Anfang der 90er löst sich die Sowjetunion auf. In den Gebieten der neu entstandenen postsowjetischen Nationalstaaten flammen ethnisch-nationale Konflikte auf. Auch innerhalb der Russischen Föderation steigen die Spannungen im Verhältnis zwischen dem Bund und den Ländern. Fast jede „Republik“ innerhalb der russischen Föderation erklärt sich „unabhängig“, um Moskau damit für verschiedene Privilegien erpressen zu können. Die radikalsten Ansprüche stellt die Republik Tschetschenien unter der Führung von Dschohar Dudajew. Zwischen 1991 und 1994 gelingt es Moskau und Grosny nicht, eine Kompromisslösung zu finden. Verschiedene Interessengruppen provozieren den Konflikt. Im November 1994 entscheidet sich die Moskauer Führung für das Statuieren eines Exempels – die Beseitigung der tschetschenischen „Unabhägigkeit“ und ihrer Präsidenten.

Die militärische Dimension dieses Konfliktes hatte die Welt schwer überrascht. Die unbekannten Tschetschenen hatten eine Armee, die fast alle modernen Waffen hatte, um sich dem Kampf ordentlich zu stellen. Zu dem Irrsinn des Krieges in Tschetschenien gehört wohl auch die Tatsache, dass die meisten Waffen von der russischen Armee selbst vor dem Krieg an die Tschetschenen geliefert worden waren.

Der Krieg war äußerst brutal. Westliche Reporter mussten mit Erstaunen „afrikanische Kriegsverhältnisse“ antreffen. Die Stadtbevölkerung geriet in das Feuer zweier Armeen. Verantwortlich für diese Brutalität waren wohl die historischen Umstände. Die russische Seite meinte unter dem akuten Druck des Zugzwanges zu sein. Das Tschetschenien-Problem musste schnellstens gelöst werden, bevor es sich als eine Art separatistische Seuche über die anderen Teile Russlands ausbreitet. Darum bekam die russische Armee eine unmögliche Aufgabe. Der Krieg sollte ohne Vorbereitungszeit in wenigen Tagen gewonnen werden. Und da die russische Armee nicht die Tradition hat, sich den Befehlen der politischen Führung zu widersetzen, versuchte sie diesen Befehl auszuführen. Das Hauptziel des Angriffes war die tschetschenische Hauptstadt Grosny. Die russischen Generäle (es ist bis heute umstritten, wer die Truppen tatsächlich kommandierte) hatten alles auf eine Karte gesetzt. Man sammelte so viel Menschen- und Materialmasse, wie man nur konnte und ließ sie auf den Feind los. Man hatte wohl die Hoffnung, dass die Separatisten angesichts dieser Flut der Armada die Nerven verlieren und davon laufen würden.

Das hat nicht funktioniert. Die Tschetschenen waren nicht bereit, die Nerven zu verlieren. Sie waren tief in ihrem Nationalstolz verletzt und sahen nicht ein, dass die Russen ihren nationalen Führer beseitigen wollen. In wenigen Tagen, zwischen dem 31. Dezember 1994 und dem 2.Januar 1995 wurden nach offiziellen russischen Angaben etwa 1500 russische Soldaten und Offiziere bei den Kämpfen in der Stadt getötet. Für die russische Armee, die noch einige Jahre davor zu den stärksten Armeen der Welt zählte, war es eine vernichtende moralische Katastrophe. Sie wurde von einem kleinen Volk, dessen Namen man im Westen nicht einmal richtig zu schreiben wusste, schwer verhauen.

Teil 5

Der russische Film „Das Fegefeuer“ zeigt uns den Augenblick dieser Katastrophe. Doch auf eine sehr ungewohnte Art.

Wenn man diesen Film gesehen hat, wird man bestätigen, obwohl es mittlerweile zu einer üblichen Ausrede für faule Filmkritik gehört, dass die Beschreibung der Handlung als Folge von Ereignissen wenig Sinn macht. Gerade wenn man die knallige und bunte Action Art „Made in Holywood“ als Muster gebraucht. Man muss dafür einen surrealen Vergleich suchen , um diesen Film beschreiben zu können. Man stelle sich vor, man schaut zwei Stunden lang, wie Menschen und Technik in einen überdimensionalen Fleischwolf geraten und als blutende metallene Fleischmasse raus gepresst werden und in den brennenden Ruinen der Stadt verteilt werden – kann man dabei von einem Sujet eigentlich sprechen?

Die beste Möglichkeit, die innere Logik dieses Films erschließen zu können, bietet die thematische Aufteilung. Da es ein Kriegsfilm ist, können diesem Genre entsprechende Frage gestellt werden. Man erschließt den Film, indem man kriegsrelevante Fragen formuliert: Was sieht man hier für einen Krieg? Welche Kampfhandlungen finden statt. Wo und in welchem Zeitraum? Wer sind die Kriegsgegner? Wie werden sie dargestellt? Welche Motivation oder moralische Kampfhaltung haben die Kämpfer?

Bevor man die Antworten auf diese Fragen sucht, möchte man noch den folgenden Hinweis geben. Der Film Tschistilische / „Das Fegefeuer“ findet man in einer jeden guten Videothek in Deutschland oder im Handel. Man hat dem Film leider für den Verkauf den sinnleeren Titel „Chechenia Warrior“ gegeben. Man sollte bei diesem Film auch unbedingt die russische Tonspur mit deutschen Untertiteln laufen lassen, da die deutsche Synchronisation jämmerlich versagt und diesem Werk seine ganze schreckliche Stimmung raubt. (Vergleiche man die richtige Übersetzung „Das Fegefeuer“ mit dem Verkaufstitel „Chechenia Warrior“ )

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Wer kämpft gegen wen?

Wir sehen zwei Kriegsparteien, die gegeneinander kämpfen. Auf der einen Seite sehen wir die russische Armee. Es sind die Überreste einer Motorschützen Brigade, etwa hundert Soldaten, die sich in Teilen des Gebäudekomplexes des städtischen Krankenhauses verschanzt haben. Der Kommandeur der Russen ist Oberst Suvorow. Suvorow ist verwundet. Er hat sein rechtes Auge verloren. Seine Truppe ist umzingelt. Da er viele Verwundete hat, ist er nicht in der Lage, einen Ausbruchversuch aus der Umzingelung zu dem Rest der russischen Armee zu machen. Er hat auch eigentlich keine Kampftruppe, sondern einen Haufen von Bewaffneten in Armeeuniformen. Es ist eine Armee in einem Agoniezustand.

Um Oberst Suvorow zu helfen, kommt eine Vierergruppe der russischen Speznas. Diese Männer sind erfahrene und überlegene Kämpfer, die sich vom Haufen der russischen Rekruten deutlich hervorheben. Die Ausweglosigkeit der Lage wird durch das Gespräch zwischen Oberst Suvorow und dem Kommandeur der Speznas verdeutlicht:

Suvorow: „Begreift ihr nicht, dass ich außer euch vier keine Soldaten mehr habe? Ja, ich habe genug Fleisch mit vollen Hosen.“
Speznas: „Auch von dem Fleisch hast Du nicht mehr viel übrig.“


Dass der Begriff „Fleisch“ für die Bezeichnung der eigenen Soldaten verwendet wird, verdeutlicht ihre Kampfqualität. Wir sehen aber ein doppeltes Wesen der russischen Armee. Es gibt auch Profis – die wenigen übrig gebliebenen Offiziere und Speznas – und auf der anderen Seite die Masse der unausgebildeten und kampfuntauglichen Rekruten. Als ein gefangengenommener russischer Hauptmann von dem tschetschenischen Kommandeur befragt wird, warum die berühmten Russen so schlecht kämpfen, antwortet der Todgeweihte – „Die Soldaten sind gut, sie sind bereit zu sterben, aber sie sind nicht ausgebildet.“

Die Kampfgegner der Russen sind sowohl die Tschetschenen als auch internationale Söldner. Ihr Anführer ist Dukuz Israpilow – eine charismatische Führungspersönlichkeit, der die Tschetschenen aufs Wort gehorchen. Der Anführer der Tschetschenen war vor dem Krieg Arzt, ein Chirurg, ausgerechnet in dem Krankenhaus, wo sich die Russen verschanzt halten. Die tschetschenischen Kämpfer stehen in einem klaren Gegensatz zu den russischen Rekruten. Sie sind gut bewaffnet und gut organisiert.

Neben den Tschetschenen kämpft die „Internationale“. Es sind Afghanen, Araber, Afrikaner, Ukrainer und Russen. Zwei Frauen fallen besonders stark auf. Es sind die mythisch-legendären „Weißen Strümpfe“ – baltische Biathlon-Sportlerinnen, die in diesem Krieg ihr Geld als Schafschützinnen verdienen. Man sieht die beiden Frauen in den ersten Szenen des Films als kaltblütige Killerinnen, die einen Transporter mit Verwundeten Soldaten beschießen und die Männer wie auf dem Schießstand erschießen.


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Wie wird in diesem Film „Krieg“ dargestellt?

Wir sehen in diesem Film einen dicht abgeschlossenen Raum des Krieges. Der nachgestellte Zeitraum entspricht etwa der Filmdauer. Kampfhandlungen finden auf dem Gelände und in dem Gebäudekomplex des städtischen Krankenhauses statt. Die Kämpfer auf beiden Seiten befinden sich im Verhältnis zu der ganzen Schlacht wie auf einer Insel. Die Russen sind umzingelt und haben keinen Kontakt zu den anderen Kampfeinheiten in der Nähe. Die Funkverbindung funktioniert nicht, so dass der Oberst Suvorow nicht einmal der Artillerie befehlen kann, mit dem Beschuss von eigenen Soldaten aufzuhören.

Der Zuschauer bekommt keine strategische Übersicht. Es gibt keine Karten und keine Generäle die Pfeile zeichnen. Und da es auch keine klare Frontlinie in dem Film gibt, kann man auch nur sehr mühsam die Logik der Bilder begreifen. Nur einmal sieht man die Tschetschenen den Gebäudeplan studieren. Sie scheinen irgendeinen Kampfplan zu haben. Auf der anderen Seite begreift der russische Oberst Suvorow seine Lage klar und deutlich. Er kommentiert seine Lage nüchtern und bewusst: „Hier ist mein Grab schon fertig. Und ich werde ihm nicht entkommen.“

Wenn man die saubere und scheinbar logische Darstellungsweise eines „normalen“ Kriegsfilms gewohnt ist, dann darf man vermuten, dass der Regisseur handwerklich versagt. Man empfindet das Ganze als Chaos. Der Zuschauer hat große Mühe zu erkennen, was da alles passiert. Es ist dunkel in den Räumen, oder durch den Rauch der Brände ist alles verdeckt. Die Kämpfenden sind optisch kaum zu unterscheiden – ihre Waffen sind gleich und die Uniformen dreckig. Man sieht sie als Gestalten.

In diesem Film gibt es keinen „Frieden“. Es gibt kaum eine Minute, in der nicht gekämpft, geschossen, oder bombardiert wird. Von der ersten Minute an wird der Zuschauer unvorbereitet in den Krieg geworfen. Die Bilder sind äußerst brutal und schonungslos. Es gibt sehr viel Blut zu sehen. Sogar die Technik, ein abgeschossener Panzer kann „bluten“ – man sieht wie Blut von dem Panzer abfließt und runter tröpfelt. Diese Bilder des gegenseitigen Tötens haben wenig Ähnlichkeiten mit der üblichen „Action“. Und spätestens in der Szene, in der Afghanen und Araber einem gefangenen russischen Rekruten bei lebendigem Leibe den Kopf abschneiden, beginnt man zu denken, dass es kein echter Kriegsfilm ist, sondern nur ein Slasher-Film mit einer Kulisse des Krieges.

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Hier stellt sich automatisch die Frage nach der Echtheit der dargestellten Szenen. Sieht man hier vielleicht nur einen traschigen Slasher-Kriegsfilm? Diese Fragen stellen sich die Zuschauer tatsächlich. Hier ist ein Beispiel eines russischen Zuschauer-Kommentars zu dem Film:

„Ich muss dabei an Hollywood-Trash denken. Nur anstelle eines Maniaks mit einem Riesenmesser kommen die Tschetschenen. Und wie sehen unsere Soldaten aus? Wie eine Schafherde auf dem Schlachthof. Ich kann niemals glauben, dass man sich so sinnlos verhalten kann.“

Und so ist es nur logisch, zu fragen, wie es denn damals in Grosny eigentlich war? So schrecklich, wie man es in diesem Film sehen kann?

Nicht der Afghanistan-Krieg, sondern der Krieg in Tschetschenien war das russische „Vietnam“. „Vietnam“ in dem Sinne, dass, im Gegensatz zu dem Krieg in Afghanistan bei dem es eine totale Zensur gab und man den Einsatz öffentlich in der Sowjetunion nicht als Krieg bezeichnen durfte, die unzensierten Bilder des Tschetschenien Krieges die russischen Bürger über die TV-Bildschirme direkt ins Herz trafen. Es war ein Resultat des russischen Machtkampfes zwischen den russischen Oligarchen und dem Präsidenten Boris Jelzin, der durch die grausamen Bilder sein Ansehen und Autorität verlor und damit erpressbar wurde. So kam die ungeschönte Wahrheit des Krieges hervor, wie sie es selten tut. Die Teilnehmer an diesem Krieg konnten frei reden und schreiben. Der Krieg hat sehr viele Zeugnisse hinterlassen, so dass es sehr gut möglich ist, ein authentisches und unverstelltes Bild des Krieges zu sehen.

Es besteht durchaus die Möglichkeit einen Vergleich der Bilder zu machen – den Krieg im Film und den Krieg in den Zeugnissen der Teilnehmer an diesem Krieg.

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Die meisten Berichte über die Ereignisse in Grosny, im Januar 1995, stimmen im Wesentlichen überein. Stellvertretend für viele dieser Zeugnisse stehen die Erinnerungen eines russischen Offiziers der Fallschirmjäger, die man hier zitieren möchte:

„Welche Ziele wir angreifen müssen, von welchen Positionen aus, wer unsere Gegner sind – all das wussten wir nicht. Als ich den ranghöheren Offizier danach fragte – „Welche Aufgabe haben wir nun?“ – antwortete dieser Oberst mir:
-Zu sterben
-Können Sie mir bitte genauer sagen, was Sie damit meinen? – Verstehe mich Oberleutnant bitte richtig. Ich meine es wirklich, dass es unsere Aufgabe ist. Wir müssen den Hauptangriff darstellen. Der Gegner muss glauben, dass wir der Hauptschlag sind.

Eine Aussage über die Kommunikation zwischen den Kampfeinheiten der russischen Armee:

„Es herrschte Chaos im Funkverkehr. Niemand konnte verstehen, wer mit wem spricht.“

Über die Führung von Einheiten:

„Praktisch in jeder Einheit fehlte die Führungskraft. Der Offizier war entweder verwundet oder getötet.“

Über die Kampfkraft der Armee insgesamt:
Es herrschte Angst und Schrecken über die jungen und unausgebildeten Soldaten in diesem Krieg. Die Motorschützen hatten einen solchen Schrecken, dass unsere Fallschirmjäger statt sich mit der Aufklärung zu beschäftigen, Deckung suchen musste. Es war kaum möglich, sich in diesem Chaos zu bewegen. Alle Befehle und Kommandos mussten mit Geschrei, Geschimpfe und sogar Schlägen mit Gewehrkolben auf die Köpfe vermittelt werden. Wir Fallschirmjäger mussten den Feind suchen und zerstören, aber sich dazu noch rechtzeitig sich vor dem Feuer der eigenen Infanteristen decken.“

Über den Gesamtzustand der Armee:

„Schon vor dem Beginn von Kampfhandlungen war unsere Armee degradiert. Soldaten hatten keine theoretischen und praktischen Erfahrungen. Der einfache Soldat agierte chaotisch und unüberlegt. Schreckliches Verhalten von Infanteristen, die mit ihren Waffen ihre eigenen Kameraden töten.“

Wie man an der Art der Schilderung sieht, sind diese Beobachtungen von einem Profi gemacht. Er beschreibt sachlich und nüchtern das, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Es ist eine technische Beschreibung, die zu einer Analyse eines militärischen Versagens wird. Würde man andere Berichte dazu nehmen, wird man ihre Übereinstimmung in wichtigsten Punkten sehen. In dem Zusammenhang mit der Analyse des Filmes „Das Fegefeuer“ kann man sagen, dass auch die Darstellung des Krieges in diesem Film mit der oben zitierten Auffassung übereinstimmt.


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Es sollte dabei unbedingt erwähnt werden, dass der Regisseur dieses Films Alexander Nevzorow im Januar 1995 in Grosny als Journalist dabei war. Er machte auch zuerst darüber eine Dokumentation mit dem Titel „Die Hölle“. In dieser Dokumentation kann man schon die Vorlage für den zukünftigen Spielfilm sehen. Man sieht Soldaten und Offiziere, die in dem Spielfilm zu Gestalten und Figuren werden. Man hört sie in der Dokumentation bestimmte Dinge sagen, die man später in dem Spielfilm wieder hört. So sehen wir Fakten, die dann in dem Spielfilm wiederholt werden. Man kann sagen, dass hier das Verhältnis zwischen dem Realen und dem Fiktiven sehr eng ist.

Es gibt noch ein anderes interessantes Zeugnis über diesen Film. In einem Programm des russischen Radiosenders Rusnovosti hatte es ein spannendes Gespräch über Actionfilme gegeben. Da man mit vielen Filmen dieser Art in der modernen Massenkultur zu tun hat und Filme über Spezialeinheiten sogar ein Subgenre des Kriegsfilms bilden, wollten die Hörer von einem Profi wissen, was im Kino echt und was nicht echt ist. Gefragt wurde Alexej Filatov, ein Ex-Mitglied der elitärsten russischen Spezialeinheit „Alfa“. Filatov nannte gleich zu Beginn der Sendung den Film „Das Fegefeuer“:

„Das ist vielleicht der einzige Film über Krieg, in dem der Krieg pausenlos stattfindet, in dem ständig geschossen und gekämpft wird, der mehr oder weniger der Wahrheit entspricht. Ich muss Ihnen aber sagen, dass es mir sehr schwer fiel, diesen Film zu sehen. Eine Frau, die neben mir saß, drehte sich immer weg und musste weinen. Was die Macher des Films sich dabei gedacht haben, habe ich allerdings nicht verstanden. Ich werde „Das Fegefeuer“ nicht ein zweites Mal sehen. Dieses Chaos, dieser Dreck, das ist alles echt. Wer im Krieg war, hat es auch so gesehen.“

Das Ex-Mitglied der russischen Spezialeinheit „Alfa“ bezeugt also die „Echtheit“ dessen, was man in diesem Kriegsfilm über den Krieg in Tschetschenien sieht.

Welchen Sinn hat aber diese „Echtheit“ ?

Ist es der Zweck dieses Films,den Krieg in Tschetschenien als echt und als „Wahrheit“ darzustellen? Hätte aber der alte Krieger und Prokurator Pontius Pilatus eine solche Aussage gehört, würde er wohl nur seine berühmte Frage wiederholen – „Was ist die Wahrheit?“ Bevor man sich allerdings in den philosophischen Tiefen versenkt, sollte man diesen Film von einem anderen Blickwinkel aus ansehen. Auf der Internetseite von IMDB findet man eine polnische Bemerkung zu diesem Film:

„ Writer and director Aleksandr Nevzorov is a Russian ultra-nationalist and Duma deputy who supported this war at the time when it was extremely unpopular. It’s a grind-house propaganda flick, like if John Wayne’s Green Berets was made by Lucio Fulci.“ By „overninethousand“ from Poland

„Das Fegefeuer“ ist ein Propaganda Film? Nun, es gehört natürlich zu dem Kriegsfilm als solchen auch ein Werk der Propaganda zu sein. Es ist schließlich ein wesentliches Merkmal eines Krieges, das man dazu eine ideelle Rechtfertigung braucht. Dass man sich dabei eines Mediums der Massenkultur bedient, ist geradezu selbstverständlich. Was für eine Art der Propaganda gibt es in dem Film „Das Fegefeuer“?

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In dem oben erwähnten Gespräch mit dem Ex-Mitglied der russischen Spezialeinheit Alfa, Alexej Filatov wurde eine interessante Bemerkung gemacht. Filatov meinte, dass der amerikanische Kriegsfilm „Saving Private Ryan“ zu den besten seiner Art gehört. Es gibt in diesem Film ein ideales Verhältnis zwischen der „ Darstellung eines Gefechts“ auf der einen und eine moralische, propagandistische Botschaft, dass man sich um den einzelnen Soldaten kümmert und alles mögliche zu seiner Rettung unternimmt, auf der anderen Seite. Es sei einem Soldaten, so Filatov, sehr wichtig zu glauben, dass seinetwegen sogar der Präsident handelt.

Auch in einem anderen exzellenten amerikanischen Kriegsfilm „Black Hawk Down“ gibt es sehr deutliche propagandistische Züge. Dieser Film ist auch aus dem Grund interessant, weil es hier eine gewisse Parallele zu dem Film „Das Fegefeuer“ gibt. Auch hier scheitert ein Einsatz aufgrund der Unfähigkeit der Politiker, militärisch denken zu können. Die Einheiten der amerikanischen Armee werden in Mogadischu umzingelt und müssen sich kämpfend durchschlagen. Doch auch wenn der Einsatz schief läuft, können die Zuschauer stolz auf die Soldaten sein. Man sieht echte amerikanische Profis, mutige Männer, eine starke gut organisierte Armee, mit einer hohen Kampfkraft. Man braucht sich dieser Männer nicht zu schämen.

All das kann der Zuschauer in diesem russischen Kriegsfilm gar nicht sehen. Er sieht eine Katastrophe. Alexej Filatov hatte ja auch zugegeben, dass er diesen Film nicht verstanden hat. Und dieser Mann ist kein nihilistischer Typ, sondern gehört zu einer patriotischen Elite Russlands.

Wir sehen also kein Propagandawerk, so wie man das von den Amerikanern kennt. Doch man findet auf einer russischen Internetseite zu diesem Film eine interessante Bemerkung eines russischen Zuschauers:

„Es gab bisher keinen Kriegsfilm, die man uns normalerweise zu feierlichen Anlässen zeigt, der über eine solche negative Ausstrahlung und gleichzeitig über eine solche gewaltige patriotische Ladung verfügt hätte. Dieser Film ist eine Art Präzisionsschlag, ein schmerzlicher und verbotener Schlag.“

Wie kann man das aber erkennen?


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Jeder Krieg braucht eine Rechtfertigung, die durch Propaganda vermittelt wird. Soldaten müssen wissen, wofür sie sterben oder andere Menschen töten. Da ein moderner Krieg ein sehr komplexer Vorgang ist, müssen die Argumente für einen Krieg sehr komplex sein, die auch nicht jeder unbedingt verstehen kann. Die Handelnden müssen eine starke Motivation haben.

Wie wird das Sterben und Töten in dem Film „Das Fegefeuer“ motiviert? Da es verschiedene Typen von Kämpfern in dem Film gibt, unterscheidet sich ihre Motivation. Afghanen und Araber kämpfen in Tschetschenien für die Errichtung des islamischen Großreichs. Diese Art von Kämpfern nennt man heute „Dschichadisten“. Es gibt auch Söldner, die auf der Seite der Tschetschenen kämpfen. Für diese Menschen ist Krieg eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Das ist am Beispiel der Frauen Schafschützinnen sichtbar. Die eine Frau braucht das Geld, um sich eine Wohnung zu kaufen. Die andere braucht das Geld für ein leichtes Leben, unter anderem für den Kauf eines Pelzmantels.

Die Tschetschenen haben natürlich besondere Gründe zu kämpfen. Sie verteidigen ihre Heimat: Das sagt der tschetschenische Kommandeur deutlich:
„Ich kämpfe hier für meine Heimat, für diesen Himmel, für jedes Pflänzchen, das hier wächst, für jedes Steinchen, das hier liegt.“

Es mag sich sehr pathetisch anhören, doch ist diese gespielte Haltung nur die Abbildung der historisch Wirklichen. Für die meisten Tschetschenen war der erste Krieg ein gerechter Vaterlandskrieg. Sie hatten eine national existenzielle Motivation für ihren Kampf. Und diese Art der Motivation gehört in einer propagandistischen Rangordnung an die höchste Stelle. Sie galt zum Beispiel in der sowjetischen Ideologie als nationaler Befreiungskampf und damit ein gerechter Krieg.

Auf der anderen Seite ist der Tschetschene nicht einfach ein romantischer Nationalist, sondern ein denkender Bürger. Es ist eine bürgerliche Pflicht zu kämpfen, die als ein ärztliches Ethos ausgesprochen wird:

„Ich bin ein Arzt, ich entferne hier einen bösartigen Tumor.“

Er hasst seinen Gegner auch aus moralischer Überzeugung. Er beschimpft per Funk den russischen Oberst als „Schwein“, weil er diesen Tschetschenen zwingt, unerfahrene russische Rekruten zu töten, oder mit ansehen muss, wie seine Verbündeten Afghanen und Araber, den Russen die Köpfe abschneiden.

In dieser tschetschenischen Gestalt kann man die klassischen Zeichen und Merkmale eines „edlen Wilden“ (unter den Umständen des modernen Krieges) sehen. Allerdings sind es nur die Spurenelemente seiner Herkunft. Dieser Tschetschene ist in der modernen Geschichte angekommen und ist nun ein nationaler Befreiungskämpfer. Eine typische Figur.

Doch es soll in diesem Film um eine russische Propaganda und keine Tschetschenische gehen. Wofür kämpfen die Russen in diesem Kriegsfilm?


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Alexander Newzorov, der Regisseur des Films war in Januar 1995 in Grosny. Er hatte die russischen Soldaten kämpfen und sterben sehen. Interessanterweise versucht er in einer Dokumentation über diese Ereignisse „Die Hölle“ eine national-patriotische Antwort auf diese Frage zu geben. Doch in seinem Spielfilm überlässt er den tschetschenischen Kämpfern diese Haltung und formuliert die russische neu.

Es gibt eine Schlüsselszene in diesem Film. Im Verlauf der Gefechte begreifen die Kämpfer der Speznas, dass der Angriff auf die tschetschenischen Positionen die einzige Überlebenschance bietet. Dafür brauchen sie den letzten Panzer der Motorschützen. Sie bitten den Panzerkommandeur um Hilfe. Er soll sie so nah wie möglich an die gegnerischen Positionen bringen und ihnen Deckung geben. Ein anderer Panzerfahrer protestiert dagegen. Er bezeichnet diese Aktion als selbstmörderisch, da der Panzer von den Tschetschenen schnell abgeschossen wird, wenn sie zu nah ran kommen. Der Panzerkommandeur versteht allerdings, dass die Kämpfer der Speznas recht haben und macht mit. Der Angriff erfolgt und der Panzer wird in unmittelbarer Nähe an den Stellungen der Tschetschenen am Fahrwerk getroffen und kann nicht mehr entkommen.

Der tschetschenische Anführer sieht es als eine Chance. Er befiehlt die Feuerpause und geht mutig zum Panzer. Er will mit dem russischen Leutnant, dem Panzerkommandeur verhandeln. Sein Angebot ist einfach: die tschetschenische Armee braucht gute Panzerfahrer, der Russe soll einfach die Seiten wechseln und bekommt dafür als Anzahlung eine Rolex Uhr im Wert von 15000 Dollar. Andernfalls erwartet ihn der Tod. Der Tschetschene macht diesen Leutnant auf dessen Lage aufmerksam und erinnert ihn an das Schicksal von russischen Veteranen des Afghanistan Krieges, die von der russischen Gesellschaft vergessen wurden:

„Willst Du auch wie sie mit den Prothesen den Asphaltgrund abkratzen?

Er gibt dem Panzerkommandeur 5 Minuten Bedenkzeit.

Der Russe meldet dem Speznas per Funk, dass er von dem Gegner das Angebot hat, sich zu ergeben. Er schlägt den Kämpfern vor, anzugreifen. Er würde ihnen die Feuerunterstützung geben und glaubt es noch schaffen zu können, einige Schüsse abfeuern zu können bevor der Gegner aufwacht und seinen Panzer endgültig zerstört. Sein Panzerfahrer sagt dazu ironisch – „Ich habe immer davon geträumt in einem Grab des Unbekannten Soldaten zu enden.“ Aber dann fragt er seinen Kommandeur erneut nach dem Grund für diese Entscheidung. Der Leutnant antwortet dazu: „Für die Jungs, für alle die Gefallen sind.“ Und vor dem ersten Schuss sagt er mit einer leichten Ironie: „Die Mutter Heimat ruft zum Kampf!“

Er eröffnet das Feuer und fügt den Tschetschenen schwere Schläge zu. Das kommt unerwartet, da sie sich sicher waren, dass der Russe sich ergeben wird. Der tschetschenische Kommandeur ist wütend und schreit: „Warum, warum sind sie alle eine solche unberechenbare Scheiße?“ Dann wird der Panzer getroffen. Der noch lebende Leutnant wird aus dem Panzer mit abgerissenen Beinen herausgezogen. Er lebt noch, als er von den Afghanen gekreuzigt wird. Die grausame Tat provoziert den übrig gebliebenen Rest der Russen zu einem letzten Angriff. Die Tschetschenen werden aus dem Gebäude des Krankenhauses raus geschlagen. Ihr Kommandeur fällt bei einem Granatenbeschuss unter den abstürzenden Trümmern des Hauses.

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Wie kann man diese Szene verstehen? Beim ersten Anblick sieht es nach einer sehr primitiven Art der Propaganda aus, die sich der religiösen Bilder bedient. Man kann dabei an die Propagandageschichte von der Kreuzigung der Nonnen an Kirchentoren in Belgien denken. Betreibt Newzorov die Propaganda durch die Dämonisierung des Feindes?

Doch es gibt zwei Gegenfragen. Wie verhält sich die Darstellung dieser Szene mit dem viel gepriesenen Realismus und Naturalismus dieses Filmes? Und, ist es nicht zu wenig für eine erfolgreiche Propaganda, wenn man den Gegner als einen Kriegsverbrecher im Kampf der Kulturen darstellt?

Wurde der russische Panzerfahrer „in echt“ gekreuzigt? Der russische General Troschew bestätigt scheinbar den Fall in seinen Erinnerungen „Mein Krieg“. Inwiefern ist es aber unbedingt wichtig? Der Umgang der beiden Seiten mit ihren Kriegsgefangenen war in vielen Fällen abscheulich und verbrecherisch. Das Motiv der Kreuzigung kommt in vielen anderen Beschreibungen über die Ereignisse des Tschetschenien Krieges vor. Man kann hier zum Beispiel eine Szene aus dem Roman von Wiatschaslav Mironov „Ich war in diesem Krieg“ zitieren:

„ Auf dem Dach, angenagelt wie Jesus am Kreuz lag unser Kämpfer. In seinem Mund steckte sein abgeschnittener Penis. Und trotz seines verzerrten Gesichtes, das mit einer Schmutzkruste überzogen war, habe ich ihn nach der Fotografie erkannt: er war es – Semenov.“

Die Grausamkeit der dargestellten Szene entspricht wohl den schrecklichen Erlebnissen von Menschen, die diesen Krieg sahen. Es gab einen zeitweiligen Zivilisationsbruch.

Doch um die Szene der Kreuzigung verstehen zu können, soll nicht nach dem Faktischen oder des Propagandistischen gefragt werden. Sie als ein symbolischer Schlüssel wahrgenommen werden mit dem der Zutritt in eine andere Geschichte möglich wird.

Dem tschetschenischen Kommandeur fehlt der vollkommene Sieg. Er hatte die Russen militärisch fast geschlagen. Es ist im Grunde genommen nur noch eine Frage von Stunden bis der Rest erledigt wird. Doch dieser Sieg ist ein Sieg über das „Fleisch“, ein Sieg über die unerfahrene Rekrutenmasse. Ihm fehlt noch der Sieg über den Kampfgeist des Gegners. Aus diesem Grund bietet er dem Leutnant die Möglichkeit, sich für Geld zu ergeben. Er versucht ihn zu kaufen. Er will dem Russen sein Leben und die Rolex Uhr dazu schenken. Der Russe lehnt es aber ab. Warum dieser Leutnant das Angebot ablehnt, wird eigentlich nicht wörtlich gesagt. Es gibt kein Pathos und große patriotische Reden kurz vor dem Tod, wie man das oft in den alten sowjetischen Kriegsfilmen gesehen hat. Der Zuschauer bekommt keine vertrauten Parolen.

Das bedeutet, dass das Handeln dieses Panzerkommandeurs eine Motivation hat, die kaum auf der Basis unserer alltäglichen Werte begründet werden kann. Der Kämpfer hat eine minimale Chance zu überleben, indem er sich den Tschetschenen ergibt. Auch der Dienst bei den Tschetschenen wäre theoretisch sogar noch eine Möglichkeit, da man sowieso von der obersten politischen und militärischen Führung selbst verraten wurde. Doch der Leutnant lehnt diese Möglichkeit, sein Leben zu retten, ab. Er geht in den Tod und endet am Kreuz.

Der Zuschauer sieht die Kreuzigung des Offiziers als einen symbolischen Verweis auf den Sühnetod Jesu Christi. Und durch diesen Bezug eröffnet sich der Kontext des Neuen Testaments. Die Geschichte der Kreuzigung des russischen Panzerkommandeur erschließt sich der Metageschichte des christlichen Kulturraumes, in deren Mittelpunkt die Errettung durch das Opfer steht. Der Leutnant wird zu einem Messias, die russische Armee wird zu seinem Volk. Durch seinen Angriff trifft er die Tschetschenen schwer und bereitet der Speznas die Möglichkeit für einen Angriff. Aber mit seinem Tod am Kreuz mobilisiert er den Rest der Rekruten, diese „versprengten Kinder“, für einen siegreichen Angriff, der zu einem Akt des militärischen Wunders wird.

„Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wir sie meiner Hand entreißen.“ (Johannes 10, 28-29)

„Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln.“ (Johannes 11,52)

„Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod.“ (Offenbarung 12, 11)

So können die Zuschauer den Film sehen und verstehen, indem sie einen Bezug zu dem Kontext der Metageschichte des Neuen Testaments machen, was durch die Kreuzigungsszene möglich wird.

Die Geschichte aus der Bibel – Ist es aber nicht eine etwas altmodische Art der Propaganda für einen modernen Krieg? Warum entscheidet sich Alexander Newzorov für diese Art von Interpretation?

Newzorov macht es aus einem durchaus rationalen Grund. Dieser wird durch die Logik des Transformationsprozesses in der Geschichte Russlands am Ende des 20.Jahrhunderts als auch mit den globalen Veränderungen im Wesen des Krieges bedingt.
Newzorov befand sich vor dem Problem, dass er die Geschichte des Krieges kaum in der Tradition der sowjetischen Propaganda nacherzählen konnte. Dieses Problem war schon mit dem Krieg in Afghanistan offensichtlich. Man konnte mit Hilfe der „üblichen“ Geschichte nicht mehr erklären, warum und wofür in Afghanistan getötet und gestorben wird. Und in Tschetschenien drohte die Wiederholung dieses afghanischen Problems, das sich auch radikal verschärft hat, weil der russische Staat zu dem Zeitpunkt gerade noch irgendwie formal existierte (ein Jahr vor dem Beginn des Krieges schossen noch die Panzer auf das Gebäude des russischen Parlamentes) und nicht einmal eine plausible Idee seiner eigenen Existenz als eine ideologische Konstruktion hatte.

Auch die Möglichkeit einer Geschichte in der Art wie sie im Westen wiedergegeben wird – Krieg im Namen der Menschenrechte und Demokratie – wäre angesichts der blutigen Vorstellung und dem Mangel an Zensur nicht unbedingt plausibel. Damit war Newzorov wohl real mit dem „Ende der Geschichte“ im Sinne von Fukuyama konfrontiert. (Man muss dabei bedenken, dass Russland nur eine handvoll Filme über den Krieg in Afghanistan hat)

Nicht weniger bedeutend ist auch die Transformation des Kriegswesens selbst. Der Krieg ist heute weniger denn je eine Auseinandersetzung zwischen den Staaten, sondern eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenartigen Akteuren mit verschiedensten Mitteln und Waffen. In dem Kampf von größeren Gebilden: den Kulturen bzw. Zivilisationen, oder vielleicht supranationalen Organisationen funktioniert die national-patriotische Rhetorik nicht mehr. Sprüche wie „Deutsche Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt“ hören sich hohl an. Man benötigt andere Bilder. Deshalb ist auch die tschetschenische Rechtfertigung des Krieges, wenn man sie auch sehr gut versteht und mit ihr sympathisieren könnte, nicht mehr aktuell. Aus dem Munde eines Tschetschenen, der eine „Unabhängigkeit“ propagiert, klingt sie zwar vertraut, doch angesichts von Veränderungen in der Welt wird sie zu Farce.


Auf der anderen Seite kann auch der Russe die national-staatliche Argumentation nicht überzeugend gebrauchen. Historisch gesehen, würde sie auch nicht überzeugend wirken, weil der russische Staat eigentlich mehr ein supranationales Gebilde als ein nationaler Staat ist. Es wäre auch ein verheerender Rückschritt für die Russen, ein Abstieg aus der planetarischen Liga in die Liga der Nationalstaaten. Es wäre nur unnatürlich und nicht überzeugend, wenn Russe und Tschetschene miteinander auf dem gleichen Niveau der Ansprüche streiten würde, da es sich um verschiedene historische und geopolitische Größen handelt. Wenn auch die kleinsten Völker es gelernt haben, sich nationalistisch zu gebären, so stehen die Großmächte auf einer höheren Stufe der Rechtfertigung ihres Krieges. Und indem der Krieg in dem Film „Das Fegefeuer“ zu einem metaphysischen Krieg erhoben wird, dem Kampf zwischen den Kräften des Satans und dem auserwählten Volk, findet der Einstieg in die höhere Liga der Interpretation statt. Deshalb verliert der tschetschenische Kommandeur. So viel Kraft und Haltung kann er für diesen Kampf gar nicht haben. Für einen Nationalisten ist es eine Stufe zu hoch. Nicht zufällig scheint er in der Szene der Kreuzigung seinen Verstand zu verlieren.

Alexander Newzorov wählte die Geschichte aus dem Neuen Testament als Vorlage, weil sie als einzige funktionierende Geschichte in dem historischen Augenblick für ihn und die russische Massenkultur zur Verfügung stand. Dabei hatte er sie durchaus in der postmodernen Art entleert, indem er nur bestimmte tragende Elemente gelassen hat, um mit ihr seine Geschichte erzählen zu können. Er gebrauchte also auf postmoderne Art den Körper Christi, um den „verlorenen“ Krieg in Tschetschenien zu gewinnen.

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Das Ganze mag einem Leser dieses Aufsatzes als eine Auseinandersetzung mit schlechtem Geschmack vorkommen. Irgendein russischer Regisseur machte einen Kriegsfilm indem er dem Krieg eine religiöse Stimmung gab. Man könnte dabei an die Islamisten, oder an die Taliban denken. Doch auf der anderen Seite könnte man „Das Fegerfeuer“ als einen perfekten modernen Kriegsfilm entdecken, wenn man bereit ist, die Augen zu öffnen und zu zuhören.

In den Tagen als dieser Aufsatz geschrieben wurde, zeigte der deutsch-französische Sender ARTE eine Dokumentation über die amerikanische Armee. Und kein Ende für diesen Aufsatz wäre passender als ein Zitat aus der Predigt eines amerikanischen Pfarrers vor den Studenten einer amerikanischen Militärakademie:

„Eine andere Epoche des Friedens trägt ebenfalls einen Namen. Sie lautet – Pax Americana, der Amerikanische Frieden. Er bezeichnet eine Epoche, in der der amerikanische Einfluss in der Welt eine Zeit des relativen Friedens bewirkt hat. Nun scheint es als sei die Pax Americana bedroht. Für die meisten von Euch bedeutet Frieden, dass wir nicht im Krieg sind. Aber Frieden bedeutet viel mehr – die Anwesenheit des auferstanden und lebendigen Gottes in eurer Mitte. Ihr könnt euch jeden Morgen in einer Kriegszone wiederfinden. Der Herr wird Euch den Weg durch das Tal im Schatten des Todes nicht ersparen. Aber er wird Euch hindurch führen.“

Erkennt man die Parallele?

Der moderne Krieg wird zu einem Glaubenskrieg.

Ende

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