Verfasst von: gregorhecker in: Juli 1, 2009
Am 22.Juni 2009 steuerte ein Selbstmordattentäter sein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in die Wagenkolonne des Präsidenten der Republik Inguschetien Junus-Bek Ewkurow. Wie schon so oft im Kaukasus rettete ein gepanzerter Mercedes das Leben eines Präsidenten. Der schwer verletzte Ewkurow wurde mit einer Sondermaschine ins Krankenhaus nach Moskau geflogen und dort operiert. Der ebenfalls schwer verwundete Fahrer des Präsidenten erlag seinen Verletzungen einige Tage später im Krankenhaus.

Es war ein Anschlag auf den Hoffnungsträger Moskaus, eine Tat auf höchstem Niveau terroristischer Arbeit. Der Geheimdienstexperte Leonid Mletschin beschreibt den Ablauf:
„Eine solche Tat kann kein Einzeltäter, oder zwei, oder drei Täter ausführen. Wie ich sehe, war es ein Kamikaze. Solche Menschen findet man nicht auf der Straße, wo sie in großen Mengen einfach herumlaufen. Es steckt eine Struktur dahinter, die solche Menschen vorbereitet. Sie werden gesucht, man arbeitet mit ihnen, sie werden geschliffen und moralisch gestärkt. Man muss versprechen, dass man die Familie des Attentäters finanziell und materiell unterstützt. Eine solche Person muss ständig unter Kontrolle bleiben. Sie muss in einer speziellen Wohnung beobachtet werden, damit sie nicht ihre Meinung ändert und abhaut. Gültige Papiere müssen besorgt werden. Wie man sieht, wurden dabei große Mengen von Sprengstoff eingesetzt. Bei uns verkauft man aber kein Sprengstoff im Supermarkt. Man muss es besorgen und sicher lagern. Dann muss es gut ausgebildete Menschen geben, die die Autobombe präparieren. Dann muss es Menschen geben, die wissen, wann und wo der Präsident fahren wird. Und dann muss es natürlich einen Leiter der Operation geben, der alles plant, alle Menschen organisiert und steuert. Wir haben es hier mit einem gut organisierten Untergrund zu tun.“
In den letzten Wochen hat sich die Lage in Inguschetien wieder verschlechtert. Erst führte der Führer der Nachbarrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, eine Offensive gegen die islamistischen Untergrundkämpfer von Doku Umarow durch. Nach einem Raketenangriff auf das entdeckte Terroristenlager ist es den Übriggebliebenen gelungen, nach Inguschetien zu fliehen. In Inguschetien verfolgte man die Kämpfer weiter, bis sie sich in der Zivilbevölkerung aufgelöst hatten. Dann kam es zu einer Reihe von terroristischen Anschlägen in dieser Republik. Zuletzt wurde der Präsident angegriffen.
Junus-Bek Ewkurow wurde am 30. 10.2008 vom russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew zum Präsidenten von Inguschetien ernannt. Ewkurow ist die Verkörperung des russländischen Helden wie aus einem Heldenbuch. Er wurde am 29. Juli 1963 in Malgobek/Inguschetien geboren. Er ging in Beslan in die Schule Nr.1. Diese Schule ist weltweit bekannt geworden, als sie am 1.September 2004 Ziel eines terroristischen Angriffes wurde. Seinen Armeedienst begann Ewkurow in der Marineinfanterie der Pazifikflotte, danach machte er eine Ausbildung zum Offizier der Speznas in der Fallschirmjägerhochschule von Rjasan. Es folgten die Frunse Militärführungsakademie und anschließend die Akademie des russischen Generalstabes. 1999 war er Kommandeur einer Einheit russischer Fallschirmjäger, die zum Ärger des amerikanischen Generals Wesley Clark den Nato-Truppen den serbischen Slatina-Flughafen in Kosovo wegschnappte. Im Jahr 2000 wurde ihm die höchste russische Auszeichnung – Held Russlands – verliehen.
Dmitrij Medwedew wählte seinen richtigen Mann für eine der schwierigsten und gefährlichsten Aufgaben im Leben des Offiziers Ewkurow. Die Lage in Inguschetien ist kritisch geworden, nachdem der frühere Präsident der Republik, der General des Geheimdienstes FSB Murat Siasikov, scheinbar die Kontrolle über Inguschetien verloren hat. Der politische Kommentator der Nezavisimaja Gazeta Wladimir Muchin beschreibt die Situation in Inguschetien:
„Es gibt gefährliche Erscheinungen – Arbeitslosigkeit, fehlende Infrastruktur, totale Korruption, inadäquate Vorgehensweise der Sicherheitsdienste bei den Operationen, Entführung von Menschen – all das wird durch die Klanstruktur der Gesellschaft verschlimmert. Man hat das Gefühl, dass es zu einer Vereinigung des Systems der Korruption mit den Terroristen gekommen ist. Und es musste so kommen, weil diese Strukturen gemeinsame Ziele haben. In einer Situation der totalen Veruntreuung öffentlicher Finanzen fühlen sich die beiden Parteien – korrupte Beamte und die Untergrundkämpfer – nur dann wohl, wenn Chaos und Instabilität herrschen.“
Ewkurow wurde die Herkules Aufgabe zuteil, den Inguschetischen Stall zu säubern. Es musste auch so sein, weil die Republik in Richtung des offenen Bürgerkrieges unterwegs war. Eine Aufgabe, bei der er an die Hilfe des Allmächtigen dachte, wie er in dem Interview der Rossijskaja Gazeta, zwei Tage vor dem Anschlag, zum Ausdruck brachte. Er beschrieb auch, warum junge Menschen Terroristen werden:
Das Misstrauen gegenüber der Staatsmacht und die Korruption sind heute die wichtigsten Ursachen für die Lage in der Republik. Die Stimmung in der Bevölkerung und die Analyse der Personalpolitik haben das Vorhandensein der Korruption auf allen Ebenen bestätigt. Junge Menschen schließen sich den Banden an, oder werden Verbrecher, weil es in der Familie und in der Gesellschaft eine Störung gibt. Sie sehen aber auch, wie sich Beamte Privatpaläste bauen und teuerste ausländische Autos fahren, während der Großteil der Bevölkerung keine Arbeit hat.
Im Kampf gegen die Korruption gibt es den wichtigsten Mechanismus in uns selbst. Wir dürfen nicht geschmiert werden und dürfen nicht schmieren. Ich sagte schon, dass ich den Allmächtigen bitte, mir die Kraft und Stärke zu geben, um allen Verlockungen auf meinem Weg zu widerstehen.“
Die Haltung des Präsidenten, seine Sicht auf das Problem und seine Vorgehensweise zeigen, dass er den richtigen Feind sah und sich nicht getäuscht hat. Will man den Terrorismus bekämpfen, so muss man die Korruption vernichten wollen. Alexej Makarkin, Vize-Präsident des Zentrums für politische Technologien, sieht diesen Anschlag im Kontext der Situation im Nordkaukasus:
„Wenn er ein schwacher Mensch wäre, unfähig etwas zu verändern, warum sollte man dann versuchen, ihn umzubringen? Warum ihn töten? Er wäre doch für den Untergrund eine absolut optimale Person. Der Anschlag auf Ewkurow beweist, dass seine Methode funktionierte , dass er erfolgreich war und damit sehr gefährlich geworden ist.“
Die Ernennung von Ewkurow war eine symbolische Wende in der Kaukasus Politik des Kremls. Die alte Politik entstand unter dem Gesellschaftsdruck nach dem Tschetschenien-Krieg von Wladimir Putin. Man wollte, dass die nordkaukasischen Eliten ihre Probleme eigenständig lösen und keine russischen Wehrpflichtigen dafür mit ihrem Leben zahlen müssen. Man ließ den lokalen Eliten freie Hand. Im Gegenzug wurden die Eliten verpflichtet, die absolute Loyalität regelmäßig öffentlich zur Schau zu stellen und den besten Wahlausgang für den vom Kreml gewünschten Kandidaten oder Partei zu liefern. Als Resultat hatte der Kreml aufgehört, sich intensiv in die nordkaukasischen Angelegenheiten einzumischen. Und die lokalen Eliten wiederum haben aufgehört, sich um ihre Völker zu kümmern. Maxim Glikin beschreibt in der Zeitung Vedomosti den nordkaukasischen Zustand präzise:
„Man vergisst immer wieder, dass eine Kugel (Bombe) im Nordkaukasus zumeist das einzige Argument bei politischen und wirtschaftlichen Streitfragen ist. In anderen russischen Regionen wird sowohl ein unbedeutender, wie auch ein bedeutender Mensch (ein Marktteilnehmer) seine Probleme lösen können, indem er sich an seinem Widersacher mit Hilfe der Justiz, der Staatsanwaltschaft, der Polizei, eines Beamten, eines Abgeordneten, einer Zeitung, einer Radiostation rächt. Er kann demonstrieren, über seine Probleme in einem Internetblog schreiben, einen Hungerstreik antreten. Im Kaukasus gibt es diese Möglichkeiten entweder nicht, oder sie nutzen wenig. Es gibt keine unabhängigen Gerichte oder Presse. Demonstrieren ist sinnlos – eine Demo wird schnell beendet. Sich in einem Internetblog zu beschweren, ist im Kaukasus nicht üblich. Die grobe Gewalt hat jahrhundertealte Tradition. Sie verhindert die Suche nach Alternativen.“
Nach Auffassung vieler Russen ist diese „Suche nach Alternativen“ nicht die Aufgabe Moskaus. Die konservative Strategie im Umgang mit der Region beschreibt der Journalist Leonid Radzichovskij in einem Gespräch beim Radiosender Echo Moskaus:
„Es gibt keine Möglichkeit etwas zu verändern. Es gibt zwei Szenarien – entweder ist es ein geschlossener Kessel, in dem diese bewaffnete Korruption, mit Islamisten, Wahhabiten, Terroristen gemischt und gekocht wird, oder ein Kessel, der überkocht und nach Russland fließt. Übrigens, würde Russland sich vom Kaukasus trennen, dann hätte es einen Räuberstaat an seinen Grenzen, der ausschließlich von Raub und Diebstahl lebt.“
Das Konzept des geschlossenen Kessels funktioniert in Tschetschenien. Der hiesige Meisterkoch ist der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow. Die Republik steht heute im Vergleich zu den anderen Republiken wie Dagestan und Inguschetien besser da. Noch vor zehn Jahren bildete Tschetschenien einen Eiterpunkt der Kriminalität und des internationalen Terrorismus. Nun ist das Land befriedet und wird mit den Geldern aus Moskau wieder aufgebaut. Die Korruption stellt keine Gefahr für die Existenz der Gesellschaft dar. Tschetschenien gilt sogar als Modell zur Nachahmung für die westlichen Staaten, so sieht es zumindest der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses des russischen Parlamentes, Generaloberst Wasilijew
„Das ist unsere Erfahrung und ich bin der Meinung, dass die Welt diese Erfahrung gebrauchen könnte. Wir waren die Ersten, die ein Referendum trotz Terrorattacken und Kampfhandlungen durchgeführt haben. Dann haben wir die Wahlen durchgeführt. Wir wurden dafür kritisiert, aber dann hat man unsere Vorgehensweise im Irak und in Afghanistan kopiert.“
Doch ist nun die tschetschenische Stabilität durch den Anschlag auf Ewkurow in Gefahr. Es scheint, als ob das zweite Szenario – der überlaufende Kessel – langsam im Gange ist. Der russische Schriftsteller Alexander Prochanow, dem man Verbindungen zum militärischen Geheimdienst nachsagt, spricht offen über einen kommenden Krieg. Den Anschlag auf Ewkurow sieht er als einen Enthauptungsschlag:
„Wir stehen wirklich vor dem Beginn eines neuen Krieges im Kaukasus und in einer bestimmten Art geht dieser Krieg schon los, weil wir hier Enthauptungsschläge sehen – das ist ein Akt des Krieges und keine kleine Provokation. Das sind Schläge ins Herz von Inguschetien. Solche Schläge kann es nur dann geben, wenn es eine Infrastruktur des Krieges, der Versorgung, der Kämpfer schon gibt. Interessant ist, wie schnell und energisch Ramsan Kadyrow auf den Anschlag reagiert hat.“
Alexander Prochanov und andere Beobachter sehen in der Reaktion von Kadyrow den Versuch, die drohende Gefahr für seine Sicherheit abzuwehren. Kadyrow kam tatsächlich gleich nach dem Anschlag nach Inguschetien und erklärte, dass er vom russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew den Auftrag hat, in Inguschetien die Untergrundkämpfer zu liquidieren. Er bezeichnete den Anschlag auf Ewkurow als einen Anschlag auf seinen Bruder, dementsprechend wird er auf tschetschenische Art vorgehen.
Doch andere Beobachter wollen hier einen anderen Zusammenhang sehen. Kadyrow ist vielen suspekt, ein üblicher Verdächtiger eben. Olga Allenova beschreibt in der Zeitung Kommersant diese Sicht:
„Nun hat Ramsan Kadyrow keine Gegner mehr im Kaukasus. Und dazu noch, zwei Stunden nach dem Anschlag auf Ewkurow, hatte der russische Präsident Dmitrij Medwedew Kadyrow faktisch beauftragt, für die Ordnung in der Region zu sorgen. Nicht den stellvertretenden Präsidenten Inguschetiens, nicht die Sicherheitskräfte dieser Republik, sondern den Präsidenten der Nachbarrepublik. Auch die Tatsache, wie man es ausdrücklich betont, dass das Treffen zwischen Kadyrow und Medwedew lange davor geplant war, ist sehr interessant. Es fand am 22. Juni, am Tag des Anschlages auf Ewkurow statt, dem fünften Jahrestag des Großangriffes auf die Hauptstadt Inguschetiens Nazran durch den terroristischen Untergrund und an dem Tag, an dem dem Beginn des Großen Vaterländischen Krieges gedacht wird. Nach dem Treffen mit Medwedew hat Kadyrow nun die Chance bekommen, zu beweisen, dass er über ein Potential verfügt, nicht nur über Tschetschenien, sondern auch über Inguschetien zu herrschen“.
Wie auch immer, die russische Armee bereitet sich schon vor. Es wird berichtet, dass eine große Militärübung mit rund 8 500 Soldaten im Nordkaukasus stattfinden wird:
„Wie RIA Novosti vom Presseamt des Militärbezirks Nordkaukasus erfuhr, wird das unter dem Kommando von Generalstabschef Nikolai Makarow stehende Manöver „Kawkas 2009“ zehn Regionen im Süden des Landes, darunter auch die kaukasischen Republiken Tschetschenien, Inguschetien, Dagestan, Nordossetien und Karatschaisch-Tscherkessien umfassen.
Dabei sollen rund 200 Panzer, 450 gepanzerte Fahrzeuge und bis zu 250 Geschütze zum Einsatz kommen. Neben dem Heer sollen Luftwaffe, Luftabwehr, Grenztruppen und Marine beteiligt werden. Das Ziel der Übung sei es, die Kampfbereitschaft der Truppen zu prüfen sowie die Abwehr von Angriffen auf wichtige Industrie-, Verkehrs- und Energieanlagen zu trainieren, teilte Andrej Bobrun, Chef des Presseamtes des Militärbezirks Nordkaukasus mit.“
Der Sommer könnte also im Kaukasus wieder heiß werden.
Ende
Juli 8, 2009 um 9:43
Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen